Stoffe des 18. Jahrhunderts 1
Material und Webarten

 

Die Wahl des Stoffes kann darüber entscheiden, ob das fertige Kleidungsstück so aussieht, wie es sich für das Jahrhundert gehört, oder wie ein Faschingskostüm. Dabei geht es noch nicht einmal primär um die Frage "Seide oder Kunstfaser?", denn es gibt durchaus Kunstfasern, die selbst das geübte Auge täuschen können, und Naturfasern, die wegen der falschen Farbe oder des falschen Musters völlig daneben sind.

Auf der Seite über historische Stoffe finden sich einige Hinweise, die für alle Epochen bis Mitte des 19. Jh. gelten. Das folgende bezieht sich speziell auf das 18. Jahrhundert, wobei das meiste davon für die gesamte Frühe Neuzeit gelten dürfte.

Da das Thema recht komplex ist, habe ich es jetzt aufgeteilt. Tatsächlich aber sind die vier Themengebiete eng miteinander verzahnt: Die technischen Möglichkeiten, die verschiedenen Fasern einzufärben, begrenzen die Muster-Möglichkeiten, und Webarten können ebenfalls Muster erzeugen, allen voran Damast und Brokat. Und das alles ist eingebettet in die finanziellen Möglichkeiten der Käufer, den Verwendungszweck der daraus gefertigten Kleidungsstücke, und langfristige Traditionen, die sich hieraus ergeben.

 

1. Material und Webarten — auf dieser Seite

2. Farben und Muster

 

Material

Leinen war die traditionelle Faser für Weißwäsche wie Chemisen, Hemden, Fichus, Hauben, Schürzen, Taschentücher, aber auch Hauswäsche wie Tischdecken, Servietten oder Bettwäsche. Es gibt auch – selten – gesteppte Obergewänder aus weißem Leinen, z.B. im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg (eine Contouche Inv.-Nr. T2594 und ein Knabenanzug T2815), aber das dürften anhand der aufwendigen Verarbeitung Gewänder der Oberschicht gewesen sein.. Für Obergewänder der weniger Wohlhabenden aus Leinen gibt es nur wenige erhaltene Beispiele, z.B. einen Männerrock in Ludwigsburg. Möglicherweise wurde für Oberkleidung der arbeitenden Bevölkerung gefärbtes Leinen verwendet, vor allem aber Wolle. Wer es sich leisten konnte, bevorzugte Seide oder, wo es erlaubt war, bedruckte Baumwolle. Für wärmende Kleidung, Reit- und Jagdkleidung (für Frauen und Männer) verwendete auch die Oberschicht Wolle. Reit- bzw. Reisekleider und Justaucorps gab es auch aus Seidensamt, Männeranzüge aus (Seiden-) Cord. Überzeugende Hinweise darauf, daß auch nicht körperlich arbeitende Personen Oberkleidung aus Leinen trugen, habe ich bisher nicht gefunden.

Von Baumwolle wird oft behauptet, daß sie entweder sehr teuer war oder (z.B. in Frankreich, England und Preußen) sogar verboten. Das stimmt so aber nicht. Ja, es gab diese Verbote, aber sie bezogen sich nicht auf Baumwollstoffe an sich, sondern nur auf eine ganz bestimmte Sorte Baumwollstoffe, nämlich die bunt bedruckten Zitze (hierüber mehr im Kapitel Muster). So heißt es im Kattunedikt Friedrich Wilhelms von Preußen (1734, Hervorhebung von mir):

"Wir setzen und ordnen demnach hiermit anderweit ernstlich und auf das nachdrücklichste,
daß in Unserer Chur-Marck keine gedruckte noch gemahlte Catune oder Zitze, sie mögen Namen haben wie sie wollen,
von jemanden weder männlichen noch weibliches Geschlechts bey Einhundert Rthlr Fiscalischer Strafe,
oder bey dreytägiger Bestraffung mit dem Hals-Eisen (...)gebrauchet werden sollen"

Das Motiv für die Verbote war, die heimische Seidenweberei zu schützen, und was bitte kann an einem einfachen Baumwollstoff mit Seide konkurrieren? Die Bedrohung entstand dadurch, daß Baumwolle sehr viel besser als Leinen farbig bedruckt werden konnte und so das Bedürfnis nach bunt gemustertem Stoff sehr viel billiger bedienen konnte als broschierte Seide. Rein weiße Baumwollstoffe für Wäsche und Hauben, gestreifte und karierte für Schürzen und Röcke waren nicht betroffen. Das Frauenzimmer-Lexicon von 17151 erwähnt z.B.

Mousseline,
Ist ein aus weisser Baum-Wolle sehr klar leicht und zart verfertigtes Gewebe, so dem
Frauenzimmer zu Halßtüchern, Engageanton, Hälßgen, Ermeln und andern Putz dienlich ist.

oder

Nestel-Tuch,
Ist ein zartes, aus Baumwolle weiß verfertigtes Gewebe, von unterschiedener Breite
und Güte, so dem Frauenzimmer zu allerhand nöthigen Putz und Geräthe dienlich ist.

Daneben gibt es die Stoffmuster-Sammlung des Louis-François-Armand de Vignerot Du Plessis, Marechal de Richelieu, aus den 1730ern, die u.a. gestreifte und karierte Baumwollstoffe enthalten – aber auch einige Muster von in Marseille hergestellten und eigentlich verbotenen Zitzen. Mit dem Namen des Sammlers und/oder dem Titel Echantillons de tissus findet man einige Beispiele online in der Bibliothèque Nationale de France.

Holland, Hamburg und Augsburg hatten nachweislich ab dem späten 17. Jh. eine gutgehende Industrie des Baumwolldrucks und -färbens. In ganz Süddeutschland und Sachsen scheint es keine Verbote von Zitzen gegeben zu haben; in den Niederlanden wurden Zitze gar so beliebt, daß sie bis heute in weitgehend unveränderten Mustern in die Volkstracht eingingen².

 

tl; dr Die wirklich authentischen Materialien sind also Seide, Wolle, Leinen und z.T. Baumwolle. Auch Hanf und Brennesselfasern fanden Verwendung für einfache, tendenziell eher grobe Stoffe.

Achtung: Dupionseide ist nicht authentisch! Das gilt auch für andere Seidenarten mit deutlichen Verdickungen*, z.B. Wildseide (Tussah). Bourrette bzw. auch "Seidenleinen" eignen sich gar nicht. Die matt-weiche Waschseide und das viel zu flimsige Pongée, Crêpe de Chine und Crêpe Satin sind ebenfalls weder historisch noch geeigneter Ersatz. Für halbdurchsichtige Fichus, Häubchen und Schürzen können Chiffon und Organza schon mal herhalten, da normalerweise weder Leinen noch Baumwolle heute so fein zu kriegen sind, sind aber eigentlich auch nicht authentisch. Am besten für Kleider sind schwerer Taft, Atlas (=Duchesse-Satin), Faille (=Rips), Moiré, Damast, Brokat und Lampas (hierzu gleich) – wie überhaupt Stoffe eine gewisse Steifheit bzw. Stand haben sollten.

 

Webarten

Die drei klassischen Webarten - Leinwand, Atlas und Köper - waren alle bekannt und in Verwendung, wenn auch nicht in all den erfinderischen Variationen wie heute. Es ist nicht jeder leinen-, atlas- oder köperbindige Stoff geeignet. Dünne Anzugwollen z.B. sind mit Vorsicht zu genießen; Gabardine gar ist definitiv ungeeignet, da erst im 19. Jh. üblich. Rips, Samt und Cord kennt man heute noch. Moiré entsteht, wenn Taft oder Rips in einer speziellen Art gepreßt werden; es entstehen Glanzstellen, die den Effekt einer Holzmaserung haben. Von Cord habe ich sagen hören, daß er anders war als der heutige, aber ich habe noch keinen historischen Cord gesehen.

Es gab aber auch Variationen, die heute kaum noch in Verwendung sind.

Da ist z.B. der Damast als Abart des Atlas', der ein- oder zweifarbig gewebt wird. Mal tritt der Schuß deutlicher zutage, mal die Kette, und dadurch entsteht das Muster. Hat der Schuß eine andere Farbe als die Kette, ist das Muster zweifarbig. Haben beide die gleiche Farbe, wirkt das Muster durch unterschiedliche Reflexion des Lichtes.

Wollte man einen Seidenstoff mit Muster haben, bevorzugte man neben Damast die Broschierung, AKA Brokat. Dabei wird ein einfarbiger Grundstoff mit farbigen Seiden- und/oder Metallfäden durchschossen, die auf der Oberseite ein Muster bilden und auf der Rückseite lose herumhängen (flottieren). Die bevorzugten Grundstoffe hierfür waren Gros de Tours und Gros de Nples (Arten von Rips), Taft, Atlas und vor allem uni-gemusterte Seidenstoffe. Das farbige Muster liegt dann wie eine zweite Ebene über der Musterung des Grundstoffes. Man sieht das sehr schön beim roten und braunen Stoff hier unten. Das Egebnis wird in Museumskatalogen Lampas liséré genannt und ist der typische Stoff für noblige Roben des mittleren bis späten 18. Jahrhunderts.

Lampas liséré, Vorder- und Rückseite. Die drei Farben der Broschur wurden sorgfältig gruppiert, so daß über eine gewisse Strecke hinweg nur jeweils eine Farbe eingewebt wird, was eine industrielle Fertigung erleichtert. Solche Gruppierungen finden sich zwar auch manchmal bei historischen Originalen, aber eben nur manchmal - mutmaßlich bei nicht gar so hochwertigen Stoffen.
20. Jh., Reproduktion oder gut nachempfunden.
Lampas liséré, Vorder- und Rückseite. Fünf Farben wurden weitestgehend durcheinander verwendet, was bei manueller Fertigung kein Problem ist, solang der Weber sich konzentriert. Das spricht für ein Original, wahrscheinlich um 1760-70. Man beachte den Farbunterschied zwischen der Vorderseite, die wohl Jahrzehntelang Tageslicht ausgesetzt war, und der geschützten Rückseite. Vor allem die dunkelsten Fäden haben sich auf der Vorderseite stark zersetzt. Wahrscheinlich wurden sie mit Hilfe von Eisensalz-Beizen gefärbt, die dafür bekannt sind, daß sie die Fasern langfristig schädigen. Licht, das von sunklen Fasern stärker absorbiert wird, tut ein Übriges.
Lampas liséré einer Schnürbrust des späten 18. Jh. Lampas liséré einer Schnürbrust des späten 18. Jh.

 

 

1) Amaranthes. Nutzbares, galantes und curieuses Frauenzimmer-Lexicon. Leipzig, 1715
2) Arnolli, Gieneke. Sits: Katoen in bloei. Fries Museum 2017